Patrick Comboeuf sagt über sich selbst: «Ich bin kein Vorkämpfer für das Internet oder das Metaverse, aber ich schwimme mit. Denn ich will aktiv dazu beitragen, dass wir Chancen über Gefahren und Lernen über Verhindern stellen.»

«Mein Mantra ist: Einfach machen und einfach machen», sagt Patrick Comboeuf im Live-Talk von Kuble. «Viel zu oft wird in Geschäftsleitungen diskutiert, warum man etwas NICHT machen soll, warum man beispielsweise nicht ins Metaverse gehen soll. Doch hier fehlt es in der Regel an Mut und an Verständnis.»

Wer innovativ sein wolle, müsse das Thema «einfach machen», also soweit vereinfachen, dass es auch andere Menschen verstehen würden. Anschliessend müsse man «einfach machen», also ausprobieren. Denn: «Wir lernen etwas am besten, wenn wir damit experimentieren. Das unterscheidet uns nicht von unseren Kindern.»

«Kaum jemand weiss, wie ein Verbrennungsmotor funktioniert»

Oft komme als Ausrede, dass man die Technologie dahinter nicht verstehen würde: «Doch das lasse ich nicht gelten. Ich frage dann jeweils nach, wie der Google-Suchalgorithmus oder ein Verbrennungsmotor funktionieren würde. Das kann mir dann auch keiner sagen, obwohl es so gut wie jeder Mensch nutzt.» Entscheidend sei nicht, die Technologie an sich zu verstehen, sondern, wie diese Technologie für mich und andere Menschen von Nutzen sein kann.

Comboeuf erzählt eine Anekdote: «1991 habe ich von meinem damaligen Arbeitgeber Ericsson ein Handy gekriegt. Es war nicht sehr handlich, klar, aber auch kein Ziegelstein. Ich wurde ausgelacht, gemobbt, schief angeschaut. Der Tenor war: ‘Wer braucht das schon? Zum Telefonieren gibt es schliesslich Telefonzellen’.»

Dasselbe sei mit dem Internet passiert oder bei Social Media, und dasselbe passiere jetzt auch bei der Blockchain oder mit dem Metaverse. Am Anfang werde etwas Neues stets ausgelacht. Und selbst wenn es scheitern sollte – was viel häufiger passiere, als man denkt –, sei der Lerneffekt enorm.

Die Social-Media-Evolution

Das Metaverse sieht Comboeuf als einen weiteren Evolutionsschritt der Social-Media-Netzwerke: «Es wird noch mehr Interaktionen geben, es wird noch stärker darauf aufgebaut sein. Denn es ist ein menschliches Bedürfnis, sich zu spüren und sich auszutauschen.» Das sei ja auch der ursprüngliche Gedanke von Social Media gewesen: sich mit Freunden und Bekannten zu vernetzen und die Interaktion mit Menschen, die man kennt und schätzt, zu vereinfachen.

Inzwischen sei das natürlich anders, Plattformen wie Facebook, Instagram oder auch Tiktok mussten sich verändern: «Sie haben sich zu Netzwerken entwickelt, die von persönlichen Interessen getrieben werden und von kommerziellen Treibern dominiert sind.»

Es sei aber zwingend, dass sich diese Plattformen immer wieder erneuern, um erfolgreich zu bleiben. Sonst sei es irgendwann wie bei Second Life, das zwar noch immer viele treue Nutzerinnen und Nutzer habe, aber aus der Zeit gefallen sei. Dieser wirtschaftliche Druck sei ein Treiber für Innovation und deshalb alles andere als schädlich: «Die Betreiber müssen mutig sein, Dinge ausprobieren – und das heisst auch, dass man Releases auch mal zurücknehmen muss, weil es nicht funktioniert. Wie zuletzt Instagram.»

Die Schweiz muss kein Silicon Valley sein

Die Schweiz als digitalisierte Nation sieht Comboeuf gut aufgestellt: «Selbstverständlich sind die dominierenden Kräfte nicht in der Schweiz, sondern im Silicon Valley oder in China. Aber wir müssen diesen Rückstand auch gar nicht aufholen.» Das Land habe ein berechenbares Rechtssystem, ein stabiles Politsystem, viele finanzielle Mittel für Unternehmer und Startups sowie ein überdurchschnittliches, duales Bildungssystem, das Köpfe und Hände ausbilde. Das sei eine extrem gute Ausgangslage für die Schweiz.

«Datenschutz ist für die meisten Menschen kein Thema»

Auch zum Thema Datenschutz hat Comboeuf eine klare Meinung, ja, er wagt sogar eine steile These: «Datenschutz ist ein Medienthema und ein Behördenthema, und manchmal auch ein Marketingthema. Wenn ich aber meine Studierenden frage oder Umfragen lesen, was die grössten Sorgen seien, dann kommt Datenschutz schlicht nicht vor.»

Wenn jemand behaupte, er boykottiere Facebook wegen des Datenschutzes, dann sei das nicht redlich: «Dann boykottiert diese Person Facebook grundsätzlich und sie wird auch immer wieder neue Gründe finden, um Facebook zu boykottieren.» Datenschutz sei wichtig, ohne Zweifel. Es sei aber falsch, Datenschutz als Argument gegen das Metaverse oder andere Innovationen vorzuschieben.

Abschliessend sagt Comboeuf: «Ich bin kein Vorkämpfer für das Internet oder das Metaverse, aber ich schwimme mit. Denn ich will aktiv dazu beitragen, dass wir Chancen über Gefahren und Lernen über Verhindern stellen.»

Zur Person: Patrick Comboeuf ist einer der profiliertesten digitalen Vordenker der Schweiz. Er ist Experte und Dozent bei der Metaverse Academy, arbeitet als Studiengangsleiter bei der Hochschule für Wirtschaft in Zürich (HWZ) und unterstützt Unternehmen mit Interim-Mandaten dabei, ihre Geschäftstätigkeit friktionsfrei in der Blockchain sowie in digitalen Ecosystemen zu verankern.

Das Gespräch mit Patrick Comboef in voller Länge