Dr. Tobias Gantner ist ein Verfechter des Do Leadership. Er sagt: “Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich jeden Tag, wer verantwortlich ist. Niemand sonst.”

Dr. Tobias Gantner ist Arzt, bekannter Speaker und Unternehmer. Der Deutsche arbeitete zunächst in der Chirurgie, ehe er in der Industrie Karriere machte. 2013 gründete er HealthCare Futurists, ein internationales und unabhängiges Netzwerk für Innovation in der Medizinbranche.

“Wir sind eine Art Plattform”, erklärt Gantner zu Beginn des Gesprächs mit Kuble-Partner Christoph Hess. “Eine Plattform, die unterschiedliche Experten aus unterschiedlichen Richtungen zusammenbringt, um innovative und digitale Projekte in der Medizin und der Gesundheitsfürsorge zu entwickeln.''

Medikamente aus dem 3D-Drucker

Sein Gymnasiallehrer habe ihm einst gesagt, Wissen bedeute nicht zu wissen, wo dieses zu finden sei, sondern zu fühlen, wo es sein könnte. Er führt aus: “Dank Google oder Wikipedia meinen wir, alles zu wissen. Doch wir wissen nur, wo das Wissen ist, und nicht, was dahinter steckt. Hier setzen wir an.” Seine Plattform versuche, verschiedene Menschen an einen Tisch zu bringen und innovative Konzepte zu entwickeln: “Und dann bauen wir Prototypen”. Er nennt ein Beispiel: “Wir haben auf diese Weise mit einem Generika-Hersteller eine Methode entwickelt, um Medikamente mit einem 3D-Drucker zu drucken.”

Gantner ist ein Verfechter des sogenannten Do Leadership, also machen, statt reden. Wie wird man denn nun zum erfolgreichen Gründer und Macher? “Es gibt keinen einfachen Weg zum Erfolg”, sagt Gantner, “es gibt keine Abkürzung”. Lerne er Menschen kennen, die ein Startup gründen wollten, frage er stets: “Warum willst du dieses Startup gründen? Wie willst du es durchziehen, als Nebenjob oder Vollzeit? Was motiviert dich?” Vor allem diese letzte Frage sei zentral, weil es niemals nur darum gehen könne, Geld zu verdienen.

Leadership bedeutet, Verantwortung zu übernehmen

Ausserdem warnt er vor “Startup-Streichelzoos”: “Macht zuerst eure Ausbildung fertig, entwickelt eure Idee weiter, prüft sie auf einem kleinen Markt. Lasst euch nicht davon vereinnahmen und blenden, wenn ihr von grossen Unternehmen an Veranstaltungen eingeladen werdet.” Und vor allem, seid selbstbewusst: “Es ist nicht so, dass sich Startups bei Unternehmen bewerben müssen, sondern Unternehmen sollen sich auch bei den Startups bewerben. Denn es muss für beide Seiten passen.”

Do Leadership bedeute ausserdem auch, gut zu führen. “Leadership heisst für mich: Ich lebe jene Werte und Verhaltensweisen vor, von denen ich denke, dass sie richtig sind. Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich jeden Tag, wer verantwortlich ist. Passieren Fehler, dann gebe ich die Schuld nicht irgendeinem Politiker oder meinen Mitarbeitern, sondern mir selbst.”

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Dr. Tobias Gantner (links) sagt im Gespräch mit Christoph Hess: “Auch in der Arztpraxis der Zukunft wird der Mensch im Zentrum stehen.”

Zudem bedeute gutes Leadership auch, das Potenzial der Mitarbeitenden zu detektieren und zu nutzen: “Derjenige mit einer guten Idee wird bei uns von allen unterstützt und gilt dann fortan als Erfinder. Dann legen wir gemeinsam das Budget und die Zeitspanne fest und schon sind die Rahmenbedingungen klar, wie es zum Laufen kommen kann.”

Was macht das Metaverse mit unseren Beziehungen?

Abschliessend wird Gantner noch aufs Metaverse angesprochen. “Ich verstehe diese Technologie nicht im Detail, ich bin ja auch schon ein alter, weisser Mann”, sagte er lachend. “Aber ich finde es spannend. Wir haben beispielsweise ein Spiel gebaut, bei welchem die Spieler immersiv durch Blutgefässe fliegen können.” Ihn beschäftigen aber vielmehr die sozialpsychologischen Fragen dazu: “Was macht das Metaverse mit uns? Wir Menschen sind soziale Lebewesen, unser ganzes Leben ist auf Beziehungen aufgebaut.”

Er nennt zwei Beispiele, um das zu untermauern: Erstens würden neue Studien zum Beispiel zeigen, dass Kinder während der Pandemie grossen psychosozialen Schaden genommen hätten, weil sie nicht in die Schule gehen konnten. Und zweitens zeige auch das Konzept einer Arztpraxis der Zukunft, wie wichtig reale, zwischenmenschliche Beziehungen seien und blieben: “Technologie wird zweitrangig sein. Der Arzt wird immer stärker zum Verwalter des medizinischen Wissens. Und dieses Wissen tauscht er mit den Patienten am besten aus, wenn er in einer Beziehung zu ihnen steht.”

Gantner ist überzeugt, dass zwischenmenschliche Beziehungen wichtiger werden, nicht unwichtiger: “Und wie sieht dieser Aspekt in der virtuellen Welt aus? Was macht das Metaverse mit diesen Beziehungen?” Das sei für ihn eine sehr entscheidende Frage.

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